Weisheitszähne – müssen sie immer raus?
Müssen Weisheitszähne immer entfernt werden? Nein. Die pauschale Empfehlung, Weisheitszähne grundsätzlich zu entfernen, entspricht nicht dem heutigen wissenschaftlichen Kenntnisstand. Ein Weisheitszahn muss nicht automatisch heraus, nur weil er vorhanden ist oder auf einem Röntgenbild schräg liegt. Gleichzeitig sind Weisheitszähne keineswegs immer harmlos: Sie können Entzündungen, Karies, Schäden am benachbarten zweiten großen Backenzahn oder andere krankhafte Veränderungen verursachen. Deshalb sollte die Entscheidung über eine Entfernung immer individuell getroffen werden.
Besonders wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen einem gesunden, beschwerdefreien Weisheitszahn und einem Weisheitszahn, bei dem bereits eine Erkrankung oder ein relevantes zukünftiges Risiko erkennbar ist.
Der Mythos: Weisheitszähne verschieben die anderen Zähne
Lange Zeit wurde häufig behauptet, dass die Weisheitszähne beim Durchbruch einen Druck nach vorne ausüben und dadurch insbesondere die unteren Schneidezähne zusammenschieben.
Diese Erklärung klingt zunächst plausibel – sie ist wissenschaftlich aber nicht überzeugend belegt.
Die Zahnstellung verändert sich im Laufe des Lebens aus verschiedenen Gründen. Dazu gehören unter anderem altersbedingte Veränderungen des Zahnbogens, Wachstum und Umbauprozesse des Kieferknochens, Veränderungen der Zahnkontakte und des Parodonts sowie die individuelle Ausgangssituation. Die Weisheitszähne sind dabei nicht als alleinige oder entscheidende Ursache des sogenannten tertiären Engstands anzusehen.
Bereits frühere systematische Reviews konnten keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen vorhandenen Weisheitszähnen und einem stärkeren Engstand der unteren Front feststellen. Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2023 kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass keine ausreichende Evidenz dafür besteht, Weisheitszähne allein zur Vermeidung eines späteren Engstands oder eines kieferorthopädischen Rezidivs zu entfernen. PubMed
Noch aktueller ist eine 2026 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit: Auch dort nahm der Engstand der Frontzähne unabhängig davon zu, ob Weisheitszähne vorhanden waren oder entfernt wurden. Ein relevanter Unterschied zwischen den Gruppen konnte nicht nachgewiesen werden. Die Autoren sehen deshalb keine Grundlage für eine routinemäßige Entfernung von Weisheitszähnen allein zur Vermeidung eines späteren Engstands. PubMed
Die klare Schlussfolgerung
Weisheitszähne müssen nicht entfernt werden, nur damit sich die übrigen Zähne nicht verschieben.
Das ist ein wichtiger Unterschied zu früheren Vorstellungen. Eine Entfernung ausschließlich mit der Begründung „sonst werden die Zähne vorne schief“ ist nach dem heutigen Stand der Forschung nicht gerechtfertigt.
Warum Weisheitszähne trotzdem Probleme machen können
Dass Weisheitszähne nicht automatisch für Zahnverschiebungen verantwortlich sind, bedeutet allerdings nicht, dass sie grundsätzlich problemlos sind.
Der dritte große Backenzahn – der Weisheitszahn – ist der letzte Zahn in der Zahnreihe. Besonders im Unterkiefer ist der vorhandene Platz häufig begrenzt. Dadurch kann der Zahn teilweise durchbrechen, schräg stehen oder vollständig im Knochen verbleiben.
Problematisch kann insbesondere ein teilweise durchgebrochener Weisheitszahn sein. Zwischen Zahn und darüberliegendem Zahnfleisch können sich Bakterien und Speisereste ansammeln. Dadurch können Entzündungen des umliegenden Gewebes entstehen, die sogenannte Perikoronitis.
Eine systematische Übersichtsarbeit mit mehreren tausend untersuchten Weisheitszähnen zeigte einen Zusammenhang zwischen bestimmten Positionen des unteren Weisheitszahns und einem erhöhten Risiko für Perikoronitis. PubMed
Typische Beschwerden können sein:
- Schmerzen hinter dem letzten Backenzahn
- gerötetes oder geschwollenes Zahnfleisch
- unangenehmer Geschmack oder Mundgeruch
- erschwerte Mundöffnung
- Schmerzen beim Kauen
- Schwellung im Bereich des Unterkiefers
- wiederkehrende Entzündungen
Wiederkehrende Entzündungen sind ein wichtiger Grund, eine Entfernung ernsthaft in Betracht zu ziehen.
Weisheitszähne können den benachbarten Backenzahn schädigen
Ein häufig unterschätztes Problem ist nicht der Weisheitszahn selbst, sondern der zweite große Backenzahn vor ihm.
Steht ein Weisheitszahn beispielsweise schräg nach vorne und liegt an der Wurzel oder an der Krone des zweiten Molaren an, kann sich die Reinigung in diesem Bereich erheblich erschweren. Dadurch können sich Karies und parodontale Schäden entwickeln.
Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse fand einen negativen Zusammenhang zwischen vorhandenen dritten Molaren und dem parodontalen Zustand der benachbarten zweiten Molaren. Besonders betroffen war der Unterkiefer. PubMed
Auch für Karies an der Rückseite des zweiten Molaren gibt es wissenschaftliche Hinweise. Eine Metaanalyse zeigte, dass bestimmte Lagebeziehungen des Weisheitszahns – insbesondere schräg stehende und teilweise impaktierte Weisheitszähne – mit einem erhöhten Kariesrisiko am benachbarten zweiten Molaren verbunden sind. PubMed
Das ist klinisch besonders relevant: Ein Weisheitszahn kann völlig schmerzfrei sein und trotzdem langfristig ein Problem für den davorliegenden Zahn darstellen.
Beschwerdefrei bedeutet nicht automatisch problemlos
Ein häufiger Irrtum lautet:
„Wenn der Weisheitszahn nicht weh tut, muss man nichts unternehmen.“
Ganz so einfach ist es nicht.
Ein Weisheitszahn kann über lange Zeit völlig unauffällig sein und trotzdem ungünstig liegen. In solchen Fällen können sich Veränderungen entwickeln, ohne dass der Patient zunächst Beschwerden bemerkt.
Eine systematische Übersichtsarbeit zur Entwicklung von Erkrankungen bei belassenen Weisheitszähnen kam zu dem Ergebnis, dass insbesondere Karies und parodontale Veränderungen bei länger belassenen Weisheitszähnen häufig beobachtet werden. Das Risiko scheint mit zunehmendem Alter und längerer Verweildauer anzusteigen. PubMed
Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder beschwerdefreie Weisheitszahn prophylaktisch entfernt werden sollte.
Vielmehr muss das individuelle Risiko beurteilt werden.
Wann sollte ein Weisheitszahn entfernt werden?
Eine Entfernung kann beispielsweise sinnvoll oder notwendig sein, wenn bereits eine Erkrankung vorliegt oder ein erhebliches Risiko dafür besteht.
Mögliche Gründe sind:
Wiederkehrende Entzündungen
Wenn es wiederholt zu einer Perikoronitis oder anderen Entzündungen kommt, spricht dies deutlich eher für eine Entfernung.
Karies am Weisheitszahn
Ist der Weisheitszahn selbst stark kariös und nicht sinnvoll erhaltungsfähig, kann die Entfernung die bessere Behandlung sein.
Karies am Nachbarzahn
Besonders relevant ist eine Situation, in der der Weisheitszahn den zweiten Molaren gefährdet oder bereits eine Karies an dessen Rückseite entstanden ist.
Parodontale Schäden
Taschenbildung und Knochenverlust am benachbarten zweiten Molaren können ebenfalls eine Entfernung des Weisheitszahns erforderlich machen.
Ungünstige Lage
Ein stark gekippter oder quer liegender Weisheitszahn kann langfristig Probleme verursachen – insbesondere dann, wenn er den zweiten Molaren beeinträchtigt.
Zystische oder andere krankhafte Veränderungen
Selten können sich im Zusammenhang mit einem retinierten Weisheitszahn Zysten oder andere pathologische Veränderungen entwickeln. Solche Befunde müssen selbstverständlich individuell behandelt werden.
Eine systematische Übersichtsarbeit zu den Indikationen der Entfernung symptomatischer oder erkrankter Weisheitszähne bestätigt insbesondere Karies, Infektionen, Parodontalerkrankungen, wiederkehrende Perikoronitis und andere pathologische Veränderungen als relevante Gründe für eine Entfernung. PubMed
Wann kann ein Weisheitszahn bleiben?
Ein Weisheitszahn kann durchaus lebenslang im Mund verbleiben, wenn er gesund ist, keine relevanten Beschwerden verursacht, funktionell sinnvoll ist beziehungsweise keine erkennbaren Schäden verursacht und regelmäßig kontrolliert werden kann.
Auch die American Association of Oral and Maxillofacial Surgeons (AAOMS) betont, dass nicht alle Weisheitszähne entfernt werden müssen. Bei fehlender Erkrankung oder fehlendem erheblichen Erkrankungsrisiko kann eine regelmäßige klinische und gegebenenfalls radiologische Kontrolle sinnvoll sein. AAOMS
Das ist ein wichtiger Punkt: Beobachten ist nicht dasselbe wie Ignorieren.
Wenn ein Weisheitszahn belassen wird, sollte bekannt sein, wie er liegt und ob sich daraus ein relevantes Risiko ergibt. Bei entsprechenden Veränderungen kann die Entscheidung später neu bewertet werden.
Eine prophylaktische Entfernung ist eine individuelle Entscheidung
Besonders bei vollständig beschwerdefreien und krankheitsfreien Weisheitszähnen ist die Datenlage nicht so eindeutig, dass man grundsätzlich sagen könnte: „Sie müssen raus.“
Die Cochrane Collaboration kommt in ihrer systematischen Übersichtsarbeit zu dem Schluss, dass die derzeit verfügbare Evidenz nicht ausreicht, um für alle asymptomatischen und krankheitsfreien impaktierten Weisheitszähne eine routinemäßige Entfernung oder umgekehrt ein generelles Belassen zu empfehlen. Wird ein solcher Zahn belassen, ist eine regelmäßige Kontrolle sinnvoll. Cochrane
Bei der Entscheidung müssen deshalb verschiedene Faktoren berücksichtigt werden:
- Alter des Patienten
- Position und Entwicklungsstadium des Weisheitszahns
- vorhandener Platz
- Kontakt zum Nachbarzahn
- Zustand von Zahnfleisch und Knochen
- Kariesrisiko
- bisherige Entzündungen
- individuelle Mundhygiene
- radiologische Auffälligkeiten
- Risiko einer späteren Entfernung
- persönliche Wünsche und Lebenssituation
Auch die Entfernung selbst ist schließlich ein operativer Eingriff und nicht völlig risikofrei. Deshalb sollte man einen gesunden Weisheitszahn nicht ohne nachvollziehbaren Grund entfernen.
Was hat das mit Kieferorthopädie zu tun?
Für die Kieferorthopädie ist vor allem wichtig, die Weisheitszähne nicht mit der allgemeinen Zahnstellung zu verwechseln.
Ein Engstand der unteren Front ist normalerweise kein ausreichender Grund, Weisheitszähne zu entfernen. Die wissenschaftliche Evidenz spricht gegen die Vorstellung, dass die Weisheitszähne grundsätzlich die übrigen Zähne nach vorne drücken und dadurch einen Engstand verursachen. PubMed
Bei einer kieferorthopädischen Behandlung kann die Situation der Weisheitszähne trotzdem relevant sein. Die Entwicklung und Lage der dritten Molaren sollte – abhängig von Alter, Behandlungsplanung und individueller Situation – berücksichtigt werden.
Interessanterweise zeigen Studien auch, dass eine kieferorthopädische Behandlung mit Entfernung von Prämolaren die Entwicklung und Aufrichtung von Weisheitszähnen beeinflussen kann. Die vorhandene Evidenz ist allerdings hinsichtlich ihrer Qualität begrenzt. PubMed
Deshalb sollte die Frage nach Weisheitszähnen immer Bestandteil einer individuellen Behandlungsplanung sein und nicht nach einer pauschalen Regel beantwortet werden.
Fazit: Weisheitszähne müssen nicht immer raus
Die klare Antwort auf die Frage „Weisheitszähne – müssen sie immer raus?“ lautet: Nein.
Der alte Mythos, dass Weisheitszähne grundsätzlich die übrigen Zähne zusammenschieben und deshalb entfernt werden müssten, ist nach dem heutigen wissenschaftlichen Kenntnisstand überholt. Eine Entfernung allein zur Vermeidung eines späteren Engstands ist nicht ausreichend wissenschaftlich begründet. PubMed
Gleichzeitig sind Weisheitszähne eine häufige Ursache für Perikoronitis, Karies, parodontale Schäden und Probleme am benachbarten zweiten Molaren. Wenn ein Weisheitszahn ungünstig liegt und bereits Probleme verursacht oder ein relevantes Risiko dafür besteht, kann eine Entfernung sehr sinnvoll sein. PubMed
Die richtige Frage lautet deshalb nicht:
„Müssen Weisheitszähne grundsätzlich entfernt werden?“
Sondern:
„Ist dieser konkrete Weisheitszahn für diesen konkreten Patienten langfristig sinnvoll und gesund – oder überwiegen die Risiken seines Verbleibs?“
Diese Entscheidung sollte anhand der klinischen Untersuchung und, wenn erforderlich, einer geeigneten Röntgendiagnostik getroffen werden.
Was tun, wenn die Weisheitszähne noch nie beurteilt wurden?
Wenn Sie nicht wissen, wie Ihre Weisheitszähne liegen, oder wenn bereits Beschwerden hinter den letzten Backenzähnen bestehen, ist eine Untersuchung bei Ihrem Hauszahnarzt ein sinnvoller erster Schritt. Dort kann beurteilt werden, ob die Weisheitszähne unauffällig sind, kontrolliert werden sollten oder möglicherweise entfernt werden müssen.
Wenn dagegen die Frage im Vordergrund steht, ob zusätzlich ein kieferorthopädisches Problem wie Engstand, Fehlstellung oder eine ungünstige Entwicklung der Zahn- und Kieferstellung besteht, können Sie direkt über unsere Website einen Beratungstermin in unserer kieferorthopädischen Fachpraxis vereinbaren.
Hinweis
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische oder zahnmedizinische Beratung. Ob ein Weisheitszahn entfernt werden sollte oder belassen werden kann, hängt immer von der individuellen Situation, der klinischen Untersuchung und gegebenenfalls der Röntgendiagnostik ab. Eine pauschale Empfehlung zur Entfernung oder zum Belassen ist daher nicht möglich.
Quellen und weiterführende Literatur
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Cochrane Review CochraneAmerican Association of Oral and Maxillofacial Surgeons (AAOMS). Management of Third Molar Teeth – White Paper.
AAOMS – Management of Third Molar Teeth AAOMSNiedzielska I, et al. / weitere Evidenz zur Pathologie retinierter Weisheitszähne: Die systematische Literatur zeigt insbesondere für Karies und parodontale Veränderungen relevante Risiken bei länger belassenen Weisheitszähnen.