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Dentosophie

Dentosophie – revolutionäres Konzept oder alter Hut?

Ist Dentosophie wirklich ein revolutionär neues Konzept oder findet man darin vor allem bekannte Prinzipien der klassischen Kieferorthopädie wieder? Diese Frage lässt sich bei genauer Betrachtung durchaus beantworten: Viele Grundgedanken der Dentosophie – etwa die Bedeutung von Wachstum, Kieferentwicklung, Zungenfunktion, Mundatmung, Schluckmuster und muskulären Kräften – gehören seit Jahrzehnten zur kieferorthopädischen Diagnostik und Behandlung. Andere Aussagen, insbesondere weitreichende Zusammenhänge zwischen Zahnstellung, Psyche, Allgemeingesundheit oder bestimmten Erkrankungen, sind dagegen wissenschaftlich nicht ausreichend belegt. Genau diese Unterscheidung ist entscheidend, wenn man Dentosophie seriös beurteilen möchte.

Was ist Dentosophie überhaupt?

Unter dem Begriff Dentosophie wird ein ganzheitlicher beziehungsweise funktioneller Ansatz verstanden, der die Entwicklung von Zähnen und Kiefern nicht isoliert betrachtet. Eine wichtige Rolle spielen dabei unter anderem die Zungenlage, die Lippen- und Wangenmuskulatur, das Schlucken, die Nasenatmung und das Kauen.

Zum Einsatz kommen häufig sogenannte Balancer oder multifunktionelle Aktivatoren, die über muskuläre und funktionelle Reize auf das stomatognathe System einwirken sollen.

Die Vertreter der Dentosophie gehen allerdings teilweise deutlich über die klassische funktionelle Kieferorthopädie hinaus. Auf den offiziellen Darstellungen des Konzepts werden beispielsweise Zusammenhänge zwischen Veränderungen im Mund und körperlichen beziehungsweise psycho-emotionalen Zuständen beschrieben.

Hier beginnt die wichtige wissenschaftliche Abgrenzung: Dass bestimmte funktionelle Zusammenhänge in der Kieferorthopädie gut bekannt sind, bedeutet nicht automatisch, dass jede darüber hinausgehende Behauptung der Dentosophie wissenschaftlich belegt ist.

 

Wachstum und Entwicklung sind keineswegs eine Erfindung der Dentosophie

Ein zentraler Bestandteil der Dentosophie ist die Vorstellung, dass sich die Zahn- und Kieferstellung im Zusammenhang mit Wachstum und Funktion entwickelt.

Das ist grundsätzlich richtig – allerdings handelt es sich dabei keineswegs um eine neue Erkenntnis.

Die moderne Kieferorthopädie beschäftigt sich seit mehr als einem Jahrhundert mit der Entwicklung des Gebisses, der Kieferrelationen und der funktionellen Einflussnahme auf das Wachstum. Edward H. Angle prägte die moderne Kieferorthopädie bereits Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entscheidend und entwickelte unter anderem die bis heute bekannte Klassifikation von Fehlbissen. Die American Association of Orthodontists bezeichnet Angle als eine der prägendsten Persönlichkeiten für die Entwicklung der modernen Kieferorthopädie.

Auch die später entwickelte Funktionskieferorthopädie beschäftigt sich intensiv mit der Wechselwirkung zwischen Muskulatur, Funktion, Wachstum und der Entwicklung von Zähnen und Kiefern.

Wer also heute davon spricht, dass die Funktion des Mundraumes für die Entwicklung des Gebisses relevant ist, vertritt damit zunächst keinen revolutionären Gedanken. Vielmehr handelt es sich um einen wichtigen Bestandteil der klassischen kieferorthopädischen Diagnostik.

 

Zunge, Atmung und Schlucken: wichtige Faktoren – aber keine neue Erkenntnis

Die Position der Zunge, die Art der Atmung und das Schluckmuster können die Entwicklung des Gebisses beeinflussen. Auch die Aktivität der Lippen-, Wangen- und Kaumuskulatur spielt bei der Entstehung bestimmter Zahn- und Kieferfehlstellungen eine Rolle.

Diese Zusammenhänge sind seit vielen Jahrzehnten Gegenstand der Kieferorthopädie und anderer medizinischer Fachgebiete.

Entsprechend ist es sinnvoll, bei einem Kind mit beispielsweise offenem Biss, Kreuzbiss oder ausgeprägter Zahnfehlstellung nicht ausschließlich die Zähne anzusehen. Eine fachgerechte kieferorthopädische Diagnostik muss auch die zugrunde liegenden funktionellen Bedingungen berücksichtigen.

Das bedeutet jedoch nicht, dass jede funktionelle Übung automatisch eine kieferorthopädische Behandlung ersetzen kann.

Gerade hier ist eine differenzierte Betrachtung wichtig.

 

Auch funktionelle Zahnspangen sind kein neues Prinzip

Die Dentosophie arbeitet häufig mit sogenannten multifunktionellen Aktivatoren oder Balancern. Auch dieses Grundprinzip ist in der Kieferorthopädie keineswegs neu.

Funktionskieferorthopädische Geräte werden seit vielen Jahrzehnten eingesetzt. Dazu gehören beispielsweise Aktivatoren, Bionatoren, Funktionsregler und andere funktionelle Apparaturen.

Die wissenschaftliche Literatur hat sich intensiv mit diesen Behandlungsmethoden beschäftigt. Systematische Übersichtsarbeiten zeigen beispielsweise, dass funktionelle Apparaturen bei bestimmten Formen von Klasse-II-Fehlstellungen durchaus Veränderungen erzielen können. Gleichzeitig sind die Effekte teilweise begrenzt und die Qualität der vorhandenen Evidenz ist je nach Fragestellung unterschiedlich.

Das ist ein wichtiger Unterschied zu einer vereinfachten Darstellung, nach der eine bestimmte Apparatur das Wachstum praktisch beliebig steuern könne.

Wachstum kann kieferorthopädisch genutzt und beeinflusst werden – aber es lässt sich nicht beliebig programmieren.

 

Wo die Dentosophie über die klassische Kieferorthopädie hinausgeht

Problematischer wird es dort, wo aus nachvollziehbaren funktionellen Zusammenhängen weitreichende medizinische Aussagen abgeleitet werden.

In Veröffentlichungen zur Dentosophie finden sich beispielsweise Aussagen, nach denen Veränderungen der Mundsituation mit Beschwerden wie Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Schlafproblemen, Asthma, Allergien oder sogar psychischen beziehungsweise emotionalen Veränderungen verbunden sein können.

Für solche weitreichenden Aussagen reicht es jedoch nicht aus, einzelne Beobachtungen aus der Praxis oder positive Einzelfälle zu beschreiben.

Medizinische Wirksamkeit muss wissenschaftlich überprüft werden.

Dazu gehören beispielsweise kontrollierte klinische Studien, reproduzierbare Ergebnisse, geeignete Vergleichsgruppen und eine unabhängige wissenschaftliche Bewertung.

Gerade für myofunktionelle Verfahren zeigt die wissenschaftliche Literatur, wie wichtig diese Unterscheidung ist. Eine systematische Übersichtsarbeit zur myofunktionellen Therapie fand nur wenige geeignete Studien und bewertete die vorhandene Evidenz als unzureichend beziehungsweise mit hohem Verzerrungsrisiko.

Auch eine weitere systematische Übersichtsarbeit zu myofunktionellen beziehungsweise funktionellen Therapieansätzen bei Kindern kam zu dem Schluss, dass die vorhandene Evidenz qualitativ problematisch ist und viele Fragen nicht zuverlässig beantwortet werden können.

 

„Es funktioniert bei meinen Patienten“ ist noch kein wissenschaftlicher Beweis

Ein häufiger Bestandteil der Argumentation alternativer Behandlungskonzepte sind eindrucksvolle Fallbeispiele.

Ein Kind beginnt eine Behandlung, die Zahnstellung verändert sich und gleichzeitig verbessert sich beispielsweise die Nasenatmung. Daraus kann schnell der Schluss gezogen werden, dass die Behandlung für sämtliche Veränderungen verantwortlich gewesen sein muss.

Das ist wissenschaftlich jedoch nicht zwingend.

Gerade bei Kindern finden während einer kieferorthopädischen Behandlung gleichzeitig Wachstum, Zahnwechsel und natürliche Entwicklung statt. Zusätzlich können sich Gewohnheiten, Muskelaktivität und andere Umweltfaktoren verändern.

Deshalb muss eine wissenschaftliche Untersuchung kontrollieren, welche Veränderungen tatsächlich auf eine Behandlung zurückzuführen sind.

Auch die Kieferorthopädie selbst ist keineswegs frei von wissenschaftlichen Unsicherheiten. Übersichtsarbeiten weisen darauf hin, dass die Qualität der Evidenz bei vielen kieferorthopädischen Fragestellungen begrenzt ist. Gerade deshalb ist eine sorgfältige wissenschaftliche Bewertung besonders wichtig.

 

Das Problem mit dem Begriff „ganzheitlich“

„Ganzheitlich“ klingt zunächst positiv – und tatsächlich sollte moderne Medizin den Menschen niemals ausschließlich auf ein einzelnes Körperteil reduzieren.

Auch eine moderne kieferorthopädische Untersuchung betrachtet deshalb nicht nur einzelne schiefe Zähne. Wachstum, Gesichtsentwicklung, Kieferrelation, Funktion, Zahnwechsel, Muskulatur und die individuelle Ausgangssituation gehören zur Diagnostik.

Ganzheitlichkeit und Wissenschaft sind kein Gegensatz.

Der entscheidende Punkt ist vielmehr: Eine ganzheitliche Betrachtung darf nicht dazu führen, dass wissenschaftlich nicht belegte Zusammenhänge als gesicherte medizinische Tatsachen dargestellt werden.

Ein Zusammenhang kann biologisch plausibel erscheinen und trotzdem noch nicht ausreichend wissenschaftlich nachgewiesen sein.

 

Dentosophie: Was ist daran wirklich neu?

Bei genauer Betrachtung ist die Antwort ernüchternd:

Viele der funktionellen Grundgedanken sind nicht neu.

Die Bedeutung von Wachstum und Entwicklung, funktionellen Einflüssen, Zungenlage, Lippen- und Wangenmuskulatur, Atmung und Schluckfunktion ist der Kieferorthopädie seit Jahrzehnten bekannt. Auch funktionelle Apparaturen haben eine lange Geschichte.

Die eigentliche Besonderheit der Dentosophie liegt daher weniger darin, völlig neue kieferorthopädische Erkenntnisse entdeckt zu haben, sondern vielmehr in der Zusammenführung und Interpretation dieser bekannten funktionellen Aspekte innerhalb eines eigenen Behandlungskonzepts.

Das wäre an sich unproblematisch.

Kritisch wird es dort, wo zusätzlich Wirkungen behauptet werden, die über das hinausgehen, was durch hochwertige wissenschaftliche Untersuchungen belegt ist.

 

Wissenschaftliche Kieferorthopädie bedeutet nicht „gegen Funktion“

Es wäre deshalb falsch, Dentosophie und klassische Kieferorthopädie einfach als zwei vollständig gegensätzliche Welten darzustellen.

Eine moderne Kieferorthopädie berücksichtigt selbstverständlich funktionelle Faktoren.

Bei einem Kind mit einer ausgeprägten Mundatmung, einem offenen Biss, einer falschen Zungenruhelage oder einer auffälligen Schluckfunktion kann es beispielsweise sinnvoll sein, diese Faktoren bei der Diagnostik und Therapieplanung zu berücksichtigen.

Entscheidend ist aber, welche Maßnahme bei welcher Diagnose tatsächlich nachweislich sinnvoll ist.

Das ist der Unterschied zwischen einem wissenschaftlich orientierten Behandlungskonzept und einem Ansatz, bei dem aus plausiblen Beobachtungen weitreichende Wirkversprechen abgeleitet werden.

 

Unser Standpunkt: Bewährte Kieferorthopädie statt Experimentieren

Wir setzen in unserer Praxis auf klassische Kieferorthopädie nach wissenschaftlichen Standards.

Das bedeutet nicht, dass wir funktionelle Zusammenhänge ignorieren. Im Gegenteil: Wachstum und Entwicklung, Muskulatur, Zungenfunktion, Atmung und die individuellen funktionellen Voraussetzungen gehören zu einer umfassenden kieferorthopädischen Diagnostik.

Wir unterscheiden jedoch konsequent zwischen dem, was wissenschaftlich gut untersucht und klinisch etabliert ist, und dem, was bislang lediglich plausibel erscheint oder auf einzelnen Beobachtungen beruht.

Unsere Patienten sollen nicht zu Versuchsobjekten für Verfahren werden, deren Wirksamkeit und Grenzen nicht ausreichend wissenschaftlich untersucht sind.

Gerade in der Behandlung von Kindern und Jugendlichen ist diese Haltung besonders wichtig. Eine kieferorthopädische Behandlung greift in eine natürliche Entwicklungsphase ein. Deshalb sollte jede therapeutische Maßnahme einen nachvollziehbaren medizinischen Grund haben und sich an den verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren.

Fazit: Revolutionäres Konzept oder alter Hut?

Dentosophie ist bei genauer Betrachtung weder eine völlig neue Revolution noch vollständig mit klassischer Kieferorthopädie gleichzusetzen.

Viele ihrer Grundgedanken sind seit Jahrzehnten Bestandteil der Kieferorthopädie und der Funktionskieferorthopädie. Die Bedeutung von Wachstum, Entwicklung, Muskulatur, Zungenfunktion und anderen orofazialen Funktionen ist keineswegs neu und lässt sich historisch weit zurückverfolgen.

Gleichzeitig enthält die Dentosophie Aussagen und therapeutische Versprechen, die über diese etablierten Grundlagen hinausgehen und für die derzeit keine ausreichende hochwertige wissenschaftliche Evidenz vorliegt. Die wissenschaftliche Literatur untersucht allerdings überwiegend myofunktionelle Therapie und funktionelle beziehungsweise vorgefertigte Apparaturen, nicht „Dentosophie“ als geschlossenes Gesamtkonzept.

Unser Maßstab ist deshalb nicht, ob eine Methode neu, modern oder besonders ganzheitlich klingt. Entscheidend ist, ob ihre behauptete Wirkung wissenschaftlich nachgewiesen werden kann.

Wenn Sie sich fragen, ob bei Ihrem Kind oder bei Ihnen möglicherweise eine kieferorthopädische Fehlentwicklung vorliegt, muss nicht erst abgewartet werden, bis daraus ein größeres Problem entsteht. Eine kieferorthopädische Untersuchung kann frühzeitig klären, ob überhaupt eine Behandlung erforderlich ist und welcher Zeitpunkt dafür sinnvoll ist. Einen Beratungstermin können Sie direkt über unsere Webseite vereinbaren.

Hinweis

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische oder kieferorthopädische Beratung, Untersuchung oder Diagnostik. Ob eine bestimmte Behandlung sinnvoll ist, kann nur nach einer persönlichen Untersuchung und unter Berücksichtigung der individuellen Befunde beurteilt werden.

Quellen: Die Einordnung orientiert sich insbesondere an systematischen Übersichtsarbeiten und wissenschaftlichen Publikationen zur evidenzbasierten Kieferorthopädie, funktionellen Apparaturen und myofunktionellen Therapie sowie an historischen Darstellungen zur Entwicklung der Kieferorthopädie.

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    Orthopedic Treatment for Class II Malocclusion with Functional Appliances and Its Effect on Upper Airways: A Systematic Review with Meta-Analysis.
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  7. American Association of Orthodontists (AAO): Edward H. Angle / Geschichte der Kieferorthopädie

  8. Bidjan, Darius, et al. “Orthopedic treatment for class II malocclusion with functional appliances and its effect on upper airways: a systematic review with meta-analysis.” Journal of clinical medicine 9.12 (2020): 3806.

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