MARPE in der Kieferorthopädie: Was die Methode wirklich leistet und was nicht
Hilft MARPE wirklich bei Atmung, Schlaf und Leistungsfähigkeit, oder ist vieles davon nur Marketing? Im Internet wird die Methode oft als Wundermittel dargestellt: bessere Atmung, tieferer Schlaf, mehr Energie, ein „perfekter” Kiefer ohne Operation. Als Kieferorthopäden sehen wir MARPE als sinnvolle Behandlungsoption. Gleichzeitig halten wir viele der kursierenden Versprechen für deutlich überzogen. Dieser Beitrag ordnet ein, was wissenschaftlich gesichert ist und wo Vorsicht geboten ist.
Was ist MARPE?
MARPE steht für Microimplant-Assisted Rapid Palatal Expansion, auf Deutsch etwa „miniimplantatgestützte schnelle Gaumennahterweiterung”. Bei einer klassischen Gaumennahterweiterung (GNE) sitzt die Apparatur auf den Zähnen. Bei MARPE wird sie zusätzlich mit kleinen Minischrauben im Gaumenknochen verankert. Die Kraft soll so weniger auf die Zähne und stärker auf den Knochen wirken.
Der Hintergrund: Bei Kindern und Jugendlichen lässt sich die Gaumennaht (Sutura palatina mediana) gut aufdehnen. Mit zunehmendem Alter verzahnt und verknöchert sie. Bei Erwachsenen mit zu schmalem Oberkiefer war deshalb lange nur eine chirurgisch unterstützte Erweiterung (SARPE) möglich. MARPE soll in ausgewählten Fällen eine Alternative ohne Operation sein.
Warum MARPE eine sinnvolle Methode ist
Die Methode ist keine Modeerscheinung. Seit den ersten Fallberichten, etwa von Lee und Kollegen (2010) und Carlson und Kollegen (2016), wurde sie in Fallserien und Studien untersucht. Bei sorgfältig ausgewählten Patienten, vor allem jungen Erwachsenen mit noch ausreichend beweglicher Gaumennaht, kann eine Erweiterung des Oberkiefers ohne Operation gelingen. Eine Studie an jungen Erwachsenen (Choi et al., 2016) zeigte, dass die Naht in der Mehrzahl der Fälle geöffnet werden konnte und die Ergebnisse im Beobachtungszeitraum akzeptabel stabil blieben. Eine Übersicht von Brunetto und Kollegen (2017) beschreibt Möglichkeiten und Grenzen der Technik.
Wir sehen MARPE daher als wertvolle Ergänzung. Sie hat ihren Platz, wenn die Voraussetzungen stimmen.
Die Studienlage: Positive Tendenz, aber schwache Evidenz
Zur Einordnung muss man die Qualität der Belege ansehen. Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse (Kapetanović et al., 2021) kommt zu dem Schluss, dass MARPE bei späten Jugendlichen und Erwachsenen eine wirksame skelettale Erweiterung erzielen kann. Die Autoren weisen aber auf die begrenzte Qualität der Primärstudien hin. Es handelt sich überwiegend um kleine Studien und Fallserien, häufig ohne Kontrollgruppe und mit kurzer Nachbeobachtung. Unabhängige, randomisierte kontrollierte Studien fehlen weitgehend.
Mehrere Punkte sollten Patientinnen und Patienten kennen:
- Nicht die ganze Erweiterung ist skelettal. Ein erheblicher Teil der Aufdehnung, je nach Studie grob zwei Fünftel bis die Hälfte, entfällt weiterhin auf die Zähne und den Alveolarknochen, nicht auf die Gaumennaht selbst.
- Die Patientenauswahl entscheidet. Alter, der Reifegrad der Gaumennaht (beschrieben z. B. von Angelieri et al., 2013), die Knochenqualität und die Anatomie bestimmen den Erfolg wesentlich.
- Es gibt Komplikationen. Dazu zählen gelockerte oder verlorene Minischrauben, Schleimhautreizungen, Schmerzen und ein asymmetrisches oder ausbleibendes Öffnen der Naht. In der Fachliteratur sind außerdem Einzelfälle schwerwiegender Komplikationen bis hin zu Frakturen im Gesichtsschädelbereich beschrieben. Sie sind selten, aber real, und gehören in jedes Aufklärungsgespräch.
- Langzeitdaten sind rar. Zur Stabilität über viele Jahre bei Erwachsenen, zu optimalen Retentionsprotokollen und zum Vorgehen bei Misserfolg gibt es bislang wenig belastbare Evidenz.
Die klassische chirurgisch unterstützte Erweiterung (SARPE) bleibt bei ausgeprägten Befunden, stark verknöcherter Naht oder nach einem erfolglosen MARPE-Versuch in vielen Fällen die berechenbarste Lösung.
MARPE und Schlafapnoe: Wo die Versprechen zu weit gehen
Besonders häufig liest man, MARPE verbessere die Atmung und könne Schlafapnoe oder Schnarchen deutlich lindern. Hier ist Differenzierung wichtig.
Gut untersucht ist die Gaumennahterweiterung bei Kindern. Eine Metaanalyse (Camacho et al., 2017) zeigte, dass sich bei Kindern mit obstruktiver Schlafapnoe die Atemaussetzer nach schneller Gaumenerweiterung im Mittel deutlich verringern können. Das gilt für ausgewählte Kinder mit einem schmalen Oberkiefer als Teil des Problems und lässt sich nicht einfach auf Erwachsene übertragen.
Bei Erwachsenen ist die Datenlage dünn. Es gibt kleine Studien und Fallserien, teils mit beeindruckenden Einzelwerten. Sie sind aber meist unkontrolliert, schließen oft nur wenige Personen ein und untersuchen Patientengruppen, die sich stark unterscheiden. Aus solchen Daten lässt sich nicht ableiten, dass MARPE Schlafapnoe zuverlässig behandelt. Schlafapnoe hat viele mögliche Ursachen, etwa Gewicht, Weichgewebe im Rachen, Zungenlage, Nasenatmung oder neurologische Faktoren. Ein schmaler Oberkiefer ist nur einer davon, und häufig nicht der entscheidende. Wer den Verdacht auf Schlafapnoe hat, braucht zuerst eine schlafmedizinische Abklärung, nicht eine Kieferexpansion auf Verdacht.
Mehr Leistungsfähigkeit, besserer Schlaf, ein „schönes Gesicht”? Was wissenschaftlich fehlt
Für Aussagen wie „mehr Energie”, „bessere sportliche Leistung” oder „ganzheitliche Gesundheitsverbesserung” durch MARPE haben wir keine belastbaren wissenschaftlichen Belege. Auch der Schlaf lässt sich nicht pauschal verbessern, solange keine entsprechende Diagnose und kein nachgewiesener Zusammenhang vorliegen. Dasselbe gilt für Versprechen zur Gesichtsform. Eine Erweiterung des Oberkiefers kann Zahnstellung und Kieferverhältnis beeinflussen, sie ist aber kein ästhetisches Allheilmittel.
Seriöse Medizin erkennt man auch daran, dass sie Grenzen benennt. Wer MARPE mit großen Gesundheitsversprechen bewirbt, ohne Einschränkungen, Risiken und die schwache Studienlage zu nennen, sollte kritisch hinterfragt werden.
Für wen kann MARPE sinnvoll sein?
In geeigneten Fällen kann MARPE eine gute Option sein, zum Beispiel bei einem nachweislich zu schmalen Oberkiefer bei jungen Erwachsenen mit Kreuzbiss, Platzmangel oder einem Missverhältnis zwischen Ober- und Unterkiefer. Ob das für Sie zutrifft, lässt sich nicht aus Internetberichten ableiten. Es braucht eine individuelle Diagnostik: klinische Untersuchung, Bildgebung und eine ehrliche Abwägung von Nutzen, Risiken und Alternativen wie klassischer GNE, SARPE oder anderen kieferorthopädischen Konzepten.
Fazit: MARPE ja, aber ohne Übertreibung
- MARPE ist eine legitime, sinnvolle Behandlungsoption für ausgewählte Patienten.
- Sie ist kein Wundermittel und keine rein skelettale Erweiterung.
- Die wissenschaftliche Evidenz ist bislang schwach, vor allem bei Langzeitergebnissen.
- Gesundheitsversprechen zu Schlaf, Atmung und Leistungsfähigkeit gehen in vielen Fällen deutlich über das hinaus, was die Studien tragen.
- Entscheidend sind eine gründliche Diagnostik und eine erfahrene Behandlung.
Vermuten Sie ein kieferorthopädisches Problem?
Wenn Sie sich fragen, ob bei Ihnen oder Ihrem Kind ein kieferorthopädisches Problem vorliegen könnte, etwa ein schmaler Oberkiefer, ein Kreuzbiss oder Beschwerden, die damit zusammenhängen, lassen Sie das fachlich abklären. Vereinbaren Sie direkt über unsere Webseite einen Beratungstermin bei uns. Wir prüfen gemeinsam mit Ihnen, ob eine Behandlung sinnvoll ist und welche Option die richtige wäre.
Disclaimer
Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder zahnärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Aus den Inhalten können keine individuellen Behandlungsempfehlungen abgeleitet werden. Bei gesundheitlichen Beschwerden, insbesondere bei Verdacht auf Schlafapnoe, wenden Sie sich bitte an eine entsprechende Fachperson.
Quellen
- Angelieri F, Cevidanes LHS, Franchi L, Gonçalves JR, Benavides E, McNamara JA Jr. Midpalatal suture maturation: classification method for individual assessment before rapid maxillary expansion. Am J Orthod Dentofacial Orthop. 2013;144(5):759–769.
- Brunetto DP, Sant’Anna EF, Machado AW, Moon W. Non-surgical treatment of transverse deficiency in adults using Microimplant-assisted Rapid Palatal Expansion (MARPE). Dental Press J Orthod. 2017;22(1):110–125.
- Camacho M, Chang ET, Song SA, et al. Rapid maxillary expansion for pediatric obstructive sleep apnea: A systematic review and meta-analysis. Laryngoscope. 2017;127(7):1712–1719.
- Carlson C, Sung J, McComb RW, Machado AW, Moon W. Microimplant-assisted rapid palatal expansion appliance to orthopedically correct transverse maxillary deficiency in an adult. Am J Orthod Dentofacial Orthop. 2016;149(5):716–728.
- Choi SH, Shi KK, Cha JY, Park YC, Lee KJ. Nonsurgical miniscrew-assisted rapid maxillary expansion results in acceptable stability in young adults. Angle Orthod. 2016;86(5):713–720.
- Kapetanović A, Theodorou CI, Bergé SJ, Schols JGJA, Xi T. Efficacy of Miniscrew-Assisted Rapid Palatal Expansion (MARPE) in late adolescents and adults: a systematic review and meta-analysis. Eur J Orthod. 2021;43(3):313–323.
- Lee KJ, Park YC, Park JY, Hwang WS. Miniscrew-assisted nonsurgical palatal expansion before orthognathic surgery for a patient with severe mandibular prognathism. Am J Orthod Dentofacial Orthop. 2010;137(6):830–839.